Die einen haben … und die anderen auch …
Christian Künne im Blog
Kapazitätsengpässe
Geschrieben von - 25. Mai 2012
Zeit und Konzentration gehören zu den Dingen, die einem leider nur ziemlich begrenzt zur Verfügung stehen. Das hab ich in den letzten Wochen wieder gemerkt, als besagte Zeit und besagte Konzentration auf ein paar Dinge außerhalb des Schreibens liegen mussten. Vor allem letzteres. Fehlt die Konzentration oder wird sie von etwas anderem eingenommen, kann man das Schreiben komlett knicken, selbst wenn noch ein bisschen Zeit dafür geblieben wäre.
Aber so ist das nun mal und diese Dinge werden sich auch wieder verschieben. Der leicht vernachlässigte Blog bekommt dann auch wieder ein bisschen mehr Pflege. Auch wenn es nicht viel zu berichten gibt, ein paar Kleinigkeiten sind es doch, und die ein oder andere Rezi harrt auch noch ihrer Veröffentlichung. Die Tage mehr.
Weißes Rauschen im Corona
Geschrieben von - 14. Mai 2012
Im aktuellen Corona Magazine (der Nummer 268) bin ich mit meiner Kurzgeschichte Weißes Rauschen vertreten.
Die Story ist etwas kürzer diesmal und handelt von einem Wiedersehen der etwas anderen Art.
Es freut mich sehr, in diesem interessanten Online-Magazin wieder vertreten sein zu dürfen. Ganz unabhängig von meiner Kurzgeschichte sollte man auf jeden Fall da mal reinschauen.
Joss Whedon is our master
Geschrieben von - 11. Mai 2012
Eine Rezension zu The Avengers
Ich muss ja gestehen, dass mich Marvels Comicverfilmungen nie so wirklich gereizt haben. Das, was ich im Vorfeld der Avengers gesehen habe (Iron Man 2 und Captain America) war jetzt nicht so pralle. Eher ziemlicher Scheiß. Whedon war tatsächlich das einzige Argument, doch noch die Avengers zu gucken (obwohl der gute Mann den vierten Alien mitverbrochen hat). Um es vorweg zu nehmen: Ich hab es nicht bereut.
Bevor ich zu den Gründen komme, warum ich den Kinobesuch nicht bereut habe, ein kurzes Wort zum Inhalt: Loki, Schurke aus dem Thor-Film (den ich nicht gesehen habe), will die Menschen unterwerfen. Dafür nimmt er erstmal den Tesserakt, ein Tor zu anderen Welten an sich, und macht zudem einen der Wissenschaftler und Hawkeye zu seinen willenlosen Dienern. Fury lässt das natürlich nicht auf sich sitzen und reaktiviert die Avengersinitiative: Superhelden vereint sollen Loki und seine Streitmacht, die auf die Erde zu kommen droht, aufhalten. Eine Aufgabe, die der ein oder anderen Schwierigkeit bereits beim ersten Treffen unterliegt.
Die Story, um damit mal anzufangen, ist jetzt nicht unbedingt der ganz große Bringer, aber funktioniert deutlich besser als man erwarten durfte, transportiert die Figuren sehr gut durch die Handlung und ist meist im richtigen Tempo dargebracht. Die Atmospähre passt, das Spiel der Figuren zueinander ist fein abgestimmt. Die Produzenten haben wirklich gut daran getan, Whedon weitgehend freie Hand zu geben. Denn seine Handschrift schimmert deutlich durch. Die Dialoge sind – von seltenen Ausnahmen abgesehen – wirklich gut, es gibt jede Menge auflockernden Humor, der weder aufgesetzt noch albern wirkt. Das Ergebnis ist ein unverkrampfter Plot, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt.
Die Figuren sind das A und O in diesem Film, was schnell deutlich wird. Jeder bekommt seine sehr guten Szenen, die Superhelden funktionieren erstaunlich gut zusammen, jeder darf mal seine coolen Sprüche raushauen (und da sind ein paar erinnerungswürdige Zitate dabei). Da bleibt es vielleicht unvermeidlich, dass der Schurke Loki ein wenig blass wirkt – und nicht so wirklich bedrohlich. Auch seine Handlungen sind nicht unbedingt nachvollziehbar.
Vielleicht liegt es auch ein bisschen am Schauspieler. Hiddleston ist jetzt nicht unbedingt die Verkörperung des Bösen. Seine Mimik grenzt ziemlich an Overacting, allein sein Grinsen … nun ja. Die anderen haben mir aber gut gefallen, alle spielen ihre Figuren mehr als angemessen. Ruffalo als Hulk/Banner, Hemsworth als Thor, Evans als Cpt. America (deutlich besser als in seinem eigenen Film), Renner als Hawkeye (noch der unspannendste von denen) und natürlich Downey Jr. als Iron Man. Die Nebendarsteller waren auch allesamt gut, Jackson funktioniert immer, Johansson hat mir besser gefallen als im 2. Iron Man und mein Highlight: Clark Gregg als Agent Coulson.
Bei einem Actionfilm muss natürlich auch die Action und die damit einhergehende Technik stimmen. Avengers ist da relativ zurückhaltend und das ist auch gut so. Natürlich gibt es den obligatorischen Showdown mit ordentlich Zerstörung und Aufdiemütze, aber es werden keine Orgien praktiziert. Die Action passt zwar, wirklich außergewöhnliche Actionszenen sind dafür nur die, die guten Humor beinhalten. Was auch auffällt: Es wirkt ein bisschen steril und da gleicht Avengers anderen aktuellen Actionstreifen. Manchmal sieht das irgendwie zu sauber aus und dadurch gleichen sich die Filme, die Action wird ein wenig beliebig.
Kameraarbeit war überdurchschnittlich, kein Herumgewackel, die Special Effects waren auch sehr gut (deutlich besser als in anderen Marvel-Filmen, aber trotzdem nicht ganz am bestmöglichen zur Zeit dran), das 3D war halt das 3D (kein echter Mehrwert, war aber gut umgesetzt, bis auf eine Aufnahme), die Kostüme sind jetzt auch keine Überraschung gewesen (Loki sieht ein wenig lächerlich aus).
Insgesamt also ein äußerst unterhaltsamer Action-Superheldenfilm, der mit markanten Sprüchen, dem nötigen Humor, einfacher Story und guter Action ohne Orgien seine Ziele weitgehend erreicht. Natürlich ist es klar, dass weitere Marvelstreifen folgen werden, einschließlich eines zweiten Avengers. Wenn der so ausfällt wie dieser hier – gerne.
Fazit: Unterhaltung pur, klasses Figurenspiel, gute Action, coole Sprüche, richtiger Humor. Whedons Händchen unverkennbar, und das gibt aus meiner Sicht 9/10 Punkten und den Maßstab für die noch folgenden Blockbuster.
Uriels Abbild in den Dampfwolken: Das Story Center 2011.2
Geschrieben von - 9. Mai 2012
Eine Rezension zu Uriel – Story Center 2011.2, hrsg. v. Michael Haitel
Nach der unterhaltsamen Lektüre des ersten Bandes widme ich mich nun ohne großes Vorwort dem 2. Band des 2011er Story Centers: Uriel.
Die Geschichten im Einzelnen:
Den Auftakt im 2. Band bildet Nina Horvath mit Auf jedem Schiff, das dampft und segelt … Der lustlose und lebensunfrohe Protagonist lebt unter Hausarrest in Rom. Immer wieder versucht der Vatikan, ihn zur Mitarbeit zu überreden, doch bislang vergeblich. Da lernt er eine Atheistin kennen, die ihm das Leben außerhalb der streng reglementierten katholischen Welt zeigt.
Ein schlüssiger Weltenbau mit einer gelungenen Geschichte. Eher ruhig und auf die Figuren und ihre Entwicklung fokussiert geschrieben, bleibt die Story doch mehr als interessant. Das Ende ist vielleicht ein wenig zu unspektakulär, aber ansonsten hat mir die Geschichte sehr gefallen.
Nah am Protagonisten bleibt auch Galax Acheronian in der titelgebenden Geschichte Uriel. Silvio lebt mit seinem am Rollstuhl gefesselten Enkel zurückgezogen in einer kleinen Wohnung. Gerade als er seinen Enkel die selbstgebauten Gehhilfen anlegen will, dringt die Polizei in die Wohnung ein und verhaftet ihn. Dank eines vatikanischen Anwalts kommt er wieder frei – und wird in den Vatikan gebracht, wo seine Mitarbeit am Projekt Uriel eingefordert wird.
Eine lange, schön erzählte Geschichte, die vor allem durch eine glaubwürdige Darstellung punktet. Der Plot ist ein Versatzstück typischer Verschwörungs- oder Agententhriller oder etwas in der Richtung, macht deshalb aber nicht minder Spaß. Hat mich ebenfalls sehr gut unterhalten.
Den Reigen der Ermittler eröffnet Andreas Winterer mit Die Stimme. Juliano wird aus seiner Glaubensfindung gerissen. Er wird beauftragt, ein wichtiges Gerät, das aus dem Vatikan entwendet wurde, wiederzubeschaffen. Mit nur kärglichen Spuren macht er sich an die Arbeit.
Stilistisch sticht diese Geschichte schon hervor, echt gut gemacht und eine interessante Idee. Aber auch inhaltlich weiß die Story zu überzeugen, gut aufgebauter Spannungsboden, die Atmosphäre stimmt. Der Autor streut immer wieder kleine “Gimmicks” in den Text, die selbigen auflockern. Selten geht das hart an die Grenze heran und erzeugt meistens die spaßige Wirkung, die es wohl haben soll. Von diesen Geschichten gerne mehr!
Weiter im Ermittlerreigen geht es in Die Maschine des totalen Friedens von Thomas Jordan. Courett, vatikanischer Ermittler, wird von Kardinal Grosz beauftragt, den Mord an einem Ausländer aufzuklären. Die lokale Polizei ist korrupt und unfähig. Schnell führen ihn die Ermittlungen in ideologische Ränkespiele.
Der Plot ist relativ Krimistandard mit leichten Variationen. Die Geschichte ist sicher nicht schlecht, hat mich allerdings nicht so mitgerissen. Am Stil liegt’s nicht, der ist zwar relativ trocken, aber gut lesbar. Vielleicht sind es eher so ein paar Kleinigkeiten, die stören. Bspw. Mattei, Gerichtsmediziner, Spurenanalyst und einiges mehr in Personalunion, oder auch die zu große Rolle des Zufalls. Bin nicht sicher. Gut mit Einschränkungen.
Auch in Die Gier des Menschen von Sigrid Lenz wird am Anfang der Protagonist aus seiner Klausur gerissen. Alexandro nutzt diese allerdings für Experimente, um Metall in Gold zu verwandeln. Nach seinem Rapport am Papst überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Denn der Papst wurde ermordet.
Ich bin mir nicht sicher, was ich von der Geschichte halten soll. Wenn sie einen satirischen Unterton haben soll, ist der bei mir nicht angekommen. Wenn nicht, dann … ja, kann ich mit der Aussage nichts anfangen. Die Grundprämisse der Story stört mich schon ziemlich – Gold, Macht, Weltherrschaft, runtergekocht auf die einfache Formel Gold=Macht (obwohl einer der Protagonisten das später etwas relativiert, was allerdings irgendwie untergeht in der Geschichte). Dazu unsympathische Protagonisten, die homoerotischen Andeutungen wirken zu gewollt. War einfach nicht meins, schätze ich.
Gleich zwei Handlungsstränge gilt es bei Arndt Wassmann in seiner Geschichte Ego te absolvo zu folgen. Während im Jahr 2063 ein junger Priester dem im Sterben liegenden Papst die Beichte abnimmt, wird im Jahr 2076 Prosecutor Necodemus zufällig in den Mordfall einer jungen Frau verwickelt. Der angebliche Selbstmord der Frau scheint ihm und vor allem dessen Schwester verdächtig. So stellen sie eigene Ermittlungen an.
Mit dieser Geschichte hatte ich ebenfalls meine Probleme. Die wechselnde Stränge passen zwar durchaus gut, aber auch hier ist mir die Aussage nicht klar. Man soll zwar nicht von dem Bild, das die Protagonisten haben, auf eine Aussage der Geschichte schließen, aber irgendwas ist da bei mir nicht oder nicht richtig angekommen. Die Geschichte ist schon recht böse, aber auf eine nicht sonderlich sympathische Art. Ich weiß nicht, eher nicht mein Fall.
Deutlich sympathischer fand ich da die Protagonistin in Feder von Maria Stranzinger. Carolina wird von einem Agenten gebeten, ihre Kollegen näher in Augenschein zu nehmen. Denn neben einen Ermordeten wurde eine goldene Feder gefunden, die nur einem ihrer Kollegen gehören kann.
Eine lockere, schöne Geschichte mit einer interessanten Idee. Allerdings wird das Potenzial nicht ausgeschöpft, da bleibt dann doch noch ein bisschen Luft.
Das Finale gibt Urs Wolf mit Mögest du in interessanten Zeiten leben. Zwei Gefangene im vatikanischen Kerker führen eine ausführliche Unterhaltung über ihren Werdegang und wer von ihnen den Papst ermordet haben könnte. Oder war es doch ein anderer?
Hier wurde stilistisch ebenfalls ein wenig rumexperimentiert, die Geschichte besteht zu 95% aus Dialog. In der getroffenen Aufmachung wirkt das distanzierend, aber trotzdem irgendwie spannend. Die präsentierten Gedankengänge schweifen manchmal doch zu sehr in irgendwelche Richtungen hab und sind manchmal hart an der Grenze zum Pseudo-Geschwafel. Unterm Strich fand ich die Story aber interessant zu lesen und amüsant.
Die Geschichten insgesamt:
Im zweiten Band liegen einige der Geschichten thematisch enger beieinander. Ermittler, Verschwörungen, technische Novi tauchen in unterschiedlicher Form auf. Tut dem Spaß keinen Abbruch. Aus meiner Sicht fängt dieser Band stark an und lässt dann ein wenig nach. Insbesondere die ersten drei Geschichten empfand ich als absolut lesenswert, die ein oder andere der folgenden ist sicher Geschmackssache. Trotzdem fühle ich mich insgesamt wieder sehr gut unterhalten und habe die Geschichten gern gelesen.
Fazit: Gut unterhalten lege ich Band 2 zur Seite und widme mich dem dritten Band.
Daten:
Uriel – Story Center 2011.2
Michael Haitel (Hrsg.)
p.machinery, März 2012
ISBN: 978 3 942533 34 8
ca. 220 Seiten
Ein Quantum aus den Dampfwolken: Das Story Center 2011.1
Geschrieben von - 29. April 2012
Eine Rezension zu Quantum- Story Center 2011.1, hrsg. v. Michael Haitel
Nach der ausführlichen Besprechung des 2010er Story Centers möchte ich natürlich auch gerne eine Besprechung des 2011er Jahrgangs folgen lassen. Diesmal bin ich mit vertreten, über das Für, trotzdem was zur Anthologie zu sagen, habe ich an andere Stelle was geschrieben. Logischerweise beginne ich mit dem ersten Band Quantum, die anderen beiden – Uriel und Electi – folgen dann in den nächsten Wochen.
Das aktuelle Story Center stand unter dem Thema Steampunk und Vatikan. Sowohl als Autor als auch als Leser hat mir diese Ausschreibung das Genre Steampunk (wieder) deutlich näher gebracht. Eigentlich sogar der breitere Bereich der Alternate History. Und ich kann vorab schon sagen, dass mir die Anthologie die Lust daran sicher alles andere als wieder genommen hat. In dem Bereich werde ich mich wieder verstärkt umgucken. Aber nun zu den Geschichten und dem eigentlichen Thema hier.
Die Geschichten im Einzelnen:
Den Beginn macht Christian Künne mit Treffen der Horizonte. Die Jungfernfahrt des neuesten deutschen Schiffes findet in politisch schwierigen Zeiten statt. Obwohl die vatikanische Flagge und die Anwesenheit höchster deutscher und vatikanischer Kreise Schutz versprechen, gerät die Reise zu einem Vabanquespiel, als sich an Bord ein Mord ereignet. In die Ermittlungen wird Ingenieur Harund Lohmann hineingezogen. Als er zufällig über einen blinden Passagier stolpert, verschärft sich nicht nur für ihn die Situation …
Aus naheliegenden Gründen kann ich nichts weiter zur Geschichte sagen.
In Enzo Asuis Senedo zu sein in barbarischen Zeiten geht es um ein Intrigenspiel. Der Indianerstamm der Senedos kann nicht länger in der “Neuen Welt” verbleiben. Ihr Schamane schließt einen Handel mit einem deutschen Adeligen, nach Emden umzusiedeln. Der Preis dafür ist ein “einfacher” Mord …
Wirklich keine schlechte Idee, aber gerade die erste Hälfte wirkt bruchstückhaft, die Geschichte müsste breiter entfaltet werden. Der Weltentwurf ist nämlich ein interessanter und die Figuren ebenso. Daher ist es schon sehr schade, dass aus der ganzen ersten Hälfte im Grunde nicht so viel gemacht wird.
Brad, der Hauptprotagonist in Eine bessere Welt? von Marianne Labisch, entkommt nur knapp seinen Verfolgern, die ihn töten wollen. Mit letzter Kraft erreicht er die Mauern des Vatikans. In dessen Hospital erwacht, bleibt Brad jedoch kaum Zeit sich zu erholen: Auf ihn wird ein Mordanschlag verübt. Und es gab bereits frühere Opfer im sonst so friedlich erscheinenden Vatikan …
Die Geschichte spannt einen interessanten Krimiplot (oder Thrillerplot) auf, aber auch hier wirkt die Story ein wenig sprunghaft und einige Figuren, insbesondere die Kommissare, werden äußerst knapp eingeführt. Mehr Entfaltung hätte gut getan, auch um die untergründige Frage des Titels stärker zu transportieren. Zwischendurch ist nämlich die richtige Spannung da.
Die wohl längste Geschichte liefert Steffi Friedrichs mit Fraternitas Sanguinis. Der Bibliothekar Justinian und sein Gehilfe kommen einer Verschwörung im Vatikan auf die Spur. Ihre Flucht und ihr Bemühen, den Verschwörern entgegenzutreten, führt sie quer durch Europa und lässt sie gefährliche Abenteuer und skurrile Bekanntschaften erleben.
Junge, Junge, die Figuren kommen ganz schön rum. Aber die Story unterhält, und zwar bestens. An der ein oder anderen Ecke vielleicht ein bisschen überkonstruiert, und es tauchen auch zu viele Leute in der Geschichte auf, aber die Story ist definitiv unterhaltsam und spannend.
Bereits der Titel der Geschichte Die Maschine von Vincent Voss nennt es: Der Vatikan unterhält eine wahrhaft mächtige Maschine, die Prophezeiungen erzeugen kann. Doch dafür benötigt sie einen besonderen Energieträger, dessen größter Lieferant das heidnische Marrakesch ist. Deshalb geht Ignatius auf diplomatische Mission, und erlebt dabei nicht nur seltsame Reichtümer, sondern wird auch über die Grenzen seines Glaubens geschickt.
Was für eine coole Geschichte! Ideenreich, interessant, trotz an sich wenig Handlung spannend, und auch treffend geschrieben. Hat sehr viel Spaß gemacht. Bitte mehr davon!
Eher klassisch krimihaft geht es in Christiane Grefs Futter für die Bestie zu. Charlotte wird in die Ermittlungen des Mordes an einen Kurator verwickelt, dem ersten Mord im neugeordneten Vatikan überhaupt. Zusammen mit einem Mann aus den Landen außerhalb des Vatikans geht sie den Spuren der blutigen und seltsamen Tat nach.
Es ist nicht klar, warum die Protagonistin das machen darf, was sie dann macht, aber nun gut. Ansonsten ein durchaus interessanter Krimiplot, der etwas vorhersehbar ist. Hier hätte ich gern von dem ein oder anderen Hintergrund mehr gelesen.
Sven Klöppings Der mechanische Diplomat ist die große Unbekannte in den Friedensgesprächen zwischen Preußen und Robotanien, einem nach Unabhängigkeit strebenden Roboterstaat auf dem Stadtgebiet Potsdams. Der Papst persönlich versucht zwischen den Parteien zu vermitteln. Nicht so einfach mit einem Roboter, der die Feinheiten der Sprache nicht so sein Eigen nennt.
Eine sehr coole Idee und eine ebensolche Geschichte. Die Story ist im genau richtigen, lockeren Stil geschrieben und macht einfach nur Spaß. Passt! Ach was, mehr als das!
Eine etwas andere Art künstlicher Lebensformen werden in Frederieke von Holzhausens Das Kreuz ist der Schlüssel beschrieben. Bruder Albert und Cassian – sowie Alberts seltsamer Assistent – ermitteln im Fall eines verschwundenen Mitbruders. Immer tiefer wird Cassian dabei in die Geheimnisse der Exorzisten – und ihrer Assistenten – gezogen.
Und ein weiteres Mal eine wirklich interessante Idee. Die Umsetzung stimmt, einzig das Tempo könnte vielleicht an der ein oder anderen Stelle etwas höher sein.
Frederic Brake erzählt in Quantum von Padre Morrison, der des Mordes an seinem guten Freund Padre Fourlan beschuldigt wird. Fourlan ist spurlos verschwunden, Morrison hatte dessen Haus kurz zuvor im Streit verlassen. Denn Fourlan hatte eine sensationelle Entdeckung gemacht, die Gott selbst in Frage stellt.
Eine kurze, präzise Story, die so etwas wie eine doppelte Pointe hat, wenn man so will. Der Anfang ist ein wenig holprig, aber wenn es zum Kern geht, zieht die Geschichte mit.
In Achim Stößers Die Mühlen Roms wird das vatikanische Rom, technisch und wissenschaftlich weit dem Rest Europas überlegen – und mittlerweile nicht mehr religiös – von Kreuzrittern belagert. Bereits seit Jahren. Als unter den Belagerern Seuchen ausbrechen, breiten diese sich auch innerhalb der Stadtmauern aus und fordern jedes Jahr immer mehr Tote. In der Verzweiflung schickt der Papst nach Wissenschaftlern außerhalb Roms aus.
Eine gelungene Variante eines “historischen Abbilds”, dass sich ungewohnt – und daher nur umso interessanter – liest. Es ist mehr ein erzählender Text, was man vielleicht mögen muss. Ich mags und finde insbesondere das Ende bemerkenswert (wie gesagt, Umkehrung von dem, was man sonst oft denkt).
Abgeschlossen wird der erste Band von Angela Mackert mit Kardinalrot. Pater Roberto und sein Android Remus reisen nach Rom. Der Vatikan ist lange nicht mehr religiöses Zentrum der Christen und so folgt Roberto äußerst misstrauisch der Einladung. Doch im Vatikan findet er die ein oder andere Überraschung, die nicht nur den Vatikan verändern könnte, sondern Robertos Weltbild dazu.
Doch, doch, finde ich sehr gut die Story. Sie nutzt an der ein oder anderen Ecke einige bekannte Versatzstücke und auch die Auflösung ist vorher absehbar, aber das trübt die Unterhaltung wenig. Und die dampfenden Androiden haben mich auch nicht gestört.
Die Geschichten insgesamt:
Der erste Band bietet gleich eine Reihe äußerst unterhaltsamer Texte und keinen echten Ausfall. Ein paar Geschichten legen die Themenvorgabe etwas weiter aus, was mich persönlich nicht weiter gestört hat. Die Geschichten sind vielseitig, die Weltentwürfe ebenso. Mit mindestens zwei wirklich sehr, sehr guten Storys und einem insgesamt guten bis sehr guten Niveau bin ich nach dem Lesen auch sehr, sehr zufrieden. Wie gesagt, Steampunk habe ich gerade wiederentdeckt, das schwingt vielleicht mit, aber ich denke schon, dass ein Blick in die Anthologie für Leute mit diesem Themeninteresse durchaus lohnenswert ist.
Fazit: Bestens unterhalten lege ich den ersten Band zur Seite und widme mich direkt dem zweiten.
Daten:
Quantum – Story Center 2011.1
Michael Haitel (Hrsg.)
p.machinery, März 2012
ISBN: 978 3 942533 33 1
ca. 220 Seiten
Ein Blick neben den Verstand
Geschrieben von - 26. April 2012
Eine Rezension zu Neben dem Verstand – Geschichten vom Fremden in mir
Ich habe lange überlegt, ob ich etwas rezensieren soll, bei dem ich selber mitgewirkt habe. Aber am Ende habe ich kein Argument gefunden, was dagegen spricht. Selbst wenn man selbst mit einer Geschichte in einer Anthologie vertreten ist, liest man die anderen Beiträge schließlich auch als Leser. Und wenn meine Geschichten unterm Messer lagen, habe ich mich immer über Feedback gefreut, egal von wem, Mitautor oder nicht. Und ich habe bisher auch nie Rezensionen oder Eindrücke von selbst beteiligten Autoren gelesen, die nicht einen ehrlichen Eindruck erweckt hätten. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich probier’s mal.
Wenn man Schubladen bemühen möchte, lassen sich die Geschichten aus Neben dem Verstand grob in die – mehr oder weniger – seichteren Bereiche des Horrors einordnen. Von Mystery, Grusel, Dark Fantasy und klassischem Horror sowie Mixereien untereinander und mit anderen Genres findet man eigentlich alles. Harter Horror mit bluttriefenden Geschichten wird nicht geboten, dafür geht es psychologisch tiefer zur Sache, mit zum Teil doch heftigen Themen. Eine Anthologie also, die nicht von Splatter, sondern von anderen, psychologischen Bildern lebt. Lässt der Titel ja schon vermuten.
Die Geschichten im Einzelnen:
Die Sammlung wird eröffnet von Marion Feilers Geschichte Was nicht im Ausweis steht. Erzählt wird die Lebensgeschichte der jungen Annkatrin, die, wenn sie in den Spiegel blickt, etwas Schreckliches unter ihrem Ich sieht. Seltsame, brutale Todesfälle beginnen sich in ihrer Umgebung zu häufen, angefangen bei ihrem Freund. Und sie stellt sich immer verzweifelter der Frage, wer – oder was – sie eigentlich ist.
Okay, die erste Story ist gleich mal eine Ausnahme zum oben erwähnten seichten Horror, denn ein bisschen mehr Gewalt darf es hier dann auch sein, wenngleich es meist nur indirekt erzählt wird. Die Story ist ein guter Appetithappen für den Beginn, vielleicht ein bisschen kurz, aber eine schöne Charakterbeschreibung und -entwicklung, dazu ein geradeliniger Stil. Hat gefallen.
Etwas Kryptischer geht es in Runa Schellenbergs Zwischenwelt zu. Die Protagonistin kämpft einen aussichtslosen Kampf gegen einen Gegner, der sie nicht nur körperlich eingesperrt hat, sondern auch psychisch. Einer Marionette gleich muss sie den Befehlen gehorchen, doch sie gibt nicht auf, hält sich an ihrem Ich, ihrem eigentlichen Ich irgendwo tief in sich fest, das ihr weggerissen werden soll.
Wenn es keine neue Idee ist, dann auf jeden Fall eine schöne Variante einer bekannten Idee. Auch diese Geschichte recht kurz, läuft sie spitz auf das fiese Finale zu, ohne im Vorfeld allzu viel zu verraten und nur schrittweise, wenn auch zügig dank der Kürze, die eigentliche Situation, in der die Protagonistin steckt, zu offenbaren. Das ist schon geschickt gemacht. Hier spielt der subtile Horror die größere Rolle.
In Die Uhr erzählt Nick Scuro in klassischer Manier von John, einem bereits etwas älteren Herren, seit vielen Jahren verheiratet, der eines Tages plötzlich anfängt, ein seltsames Ticken in seiner Umgebung zu hören. Der Unsympath geht dem Ticken auf dem Grund – und erkennt zu spät die Wahrheit.
Eine tatsächlich etwas im klassischen Stil – leicht modernisiert, aber nichtsdestotrotz – geschriebene Geschichte, die an die alten Horror- oder Myterykrimistücke denken lässt. Der Aufhänger ist denkbar einfach, aber es wird eine interessante und spannende Geschichte darum gewoben, die zu einem konsequentem Ende führt. Die Figur John ist vielleicht ein wenig zu unsympathisch geraten, ich bin mir nicht sicher, wie stark das gewollt ist. Und vielleicht hat diese Geschichte in der Mitte etwas Längen. Vielleicht. Sie hat mir auf jeden Fall sehr gut gefallen und zeigt, dass Geschichten im “alten Stil” immer noch sehr gut funktionieren.
Gewissermaßen klassisch geht es auch in Schwester von Gabriele Behrend zu. Silla wird von ihrem Vater an den Büttel zwecks Heirat gegeben. Alles andere als glücklich darüber, verkriecht sich Silla in ihrer Kammer. Am nächsten Morgen wacht sie aus wirren Träumen auf – und der tote Vater wird im Wald, grässlich zugerichtet, gefunden …
Hier wird eine Horrorgeschichte ein wenig im Märchengewand versteckt, wobei mich die Ausganglage der Story, wenn man so will, an ein Märchen erinnert hat, weniger stilistisch (obwohl auch da Märchenbezüge durchscheinen, finde ich). Aber die Story ist kein Stück märchenhaft, sondern schön böse. Sie liest sich gut, ist interessant geschrieben, die Figuren nah … da passt eigentlich alles und das macht Schwester zu einer der besten Geschichten im Band.
Benedikt Franke führt seinen Protagonisten in Das Auge im Schlüsselloch in eine Sinnkrise. Ein Vertreter, frisch im neuen Job, erlebt zunehmend einige Seltsamkeiten. Nicht nur neue Kollegen, sondern vor allem die Erlebnisse auf einer Dienstreise lassen ihn an seinem Verstand zweifeln.
Eine hübsche Variante einer bekannten Idee, auch wenn ich am Anfang ein bisschen Schwierigkeiten hatte, reinzukommen. Aber die Geschichte wird straffer und dann zunehmend spannender.
Der Titel der nächsten Geschichte, Lykanthropie, von Hannah Wölfl verrät ja im Grunde schon, welche Richtung hier eingeschlagen wird. Aber nur scheinbar.
Eine sehr kurze, fast pointenhafte Geschichte. Sie funktioniert zwar recht gut, ist aber auch nicht wirklich überraschend. Solide erzählt sicherlich, bleibt aber nur schwer in Erinnerung.
In Das seltsame Ende des Hauptmanns Jack Slasher entführt uns die Autorin Susanne Haberland in ein vergangenes London. Jack Slasher und seine Bande überfallen einen seltsamen Doktor und erbeuten dabei ein Elixier, das Jack mal gleich herunterkippt. In der Folge verhält er sich jedoch zunehmend seltsamer …
In der Welt eines Klassikers der Horrorliteratur angesiedelt, gibt die Autorin doch eine schöne Variante dieses Themas zum besten. Auch wenn der Leser der Hauptfigur im Grunde immer voraus ist, bleibt die Geschichte unterhaltsam, die Figuren weitgehend erinnerungswürdig und die Handlung bis zum Ende hin konsequent. Gefiel mir auch sehr.
Eine weitere Gefangene präsentiert Sascha Gundel in Außer mir. Die Protagonistin ist ihrem Peiniger hilflos ausgesetzt, sie kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch den Drang zur Flucht kann er ihr nicht nehmen, so sehr er es auch versucht …
Der Stil ist ein bisschen experimenteller, ein wenig stakkatoartig gehalten. Obwohl die Inhaltsangabe ähnlich zu der Geschichte Zwischenwelt klingt, wird hier doch, trotz tatsächlich ähnlicher Situation, eine völlig andere Geschichte erzählt. Wenn man sich drauf einlassen kann, gefällt sie, aber sie bleibt schwierig zu lesen.
Leichter zugänglich ist Jenseits des Fensters von N. C. Shepard. Eine junge Frau wacht nach einem Unfall in einer leeren, grauen Welt auf. Da findet sie plötzlich Geschenke vor ihrer Haustür und eine seltsame Gestalt läuft ihr immer öfters über den Weg.
Eigentlich ein klassisches Thema, was hier bearbeitet wird, aber die Geschichte kann trotzdem mit der ein oder anderen Wendung punkten und gewinnt der Thematik ein wenig Neues ab. Schön erzhält (vielleicht wäre ein bisschen Straffung gut gewesen. Vielleicht), gruselig und das Szenario gut aufgebaut, hat sie mich insgesamt mehr als gut unterhalten.
Laura A. Sterns Geliebter Feind ist eine Mini-Geschichte, keine zwei Seiten lang. Sie handelt von der ambivalenten Beziehung zwischen Autor und Muse.
Okay, ist kompakt geschrieben, fast brainstormig, und dürfte deshalb auch kaum länger sein. Coole Zwischeneinlage, bleibt aber auch schwer in Erinnerung.
Bianca Mördersheim führt den Leser in Der Kutscher in eine dystopische Zukunft. Geister haben begonnen, in Tiere und Menschen zu fahren, Tote stehen wieder auf. Der Kutscher, eine Art Priester, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Geister auszutreiben. Eine schwierige Aufgabe, wenn einer in ein Pferd gefahren ist …
Okay, klingt nach einem humoristischen Text, ist aber keiner. Und er kann auch ernst bleiben, ein Geist im Pferd wirkt in der Geschichte nicht lächerlich. Das hinzukriegen ist allemal Lob an die Autorin wert. Auch die Geschichte hat mir gefallen, nur der Protagonist kommt mir zu bärbeißig daher und schrammt am Klischee vorbei. Ansonsten hätte ich durchaus gern noch mehr aus diesem Weltenentwurf gelesen.
Ein seltsames Tier spielt auch in Den letzten beißen die Hunde von Kim Luominen und Lina Nacht eine Rolle. Der Hauptprotagonist hält sich mit einfachen Jobs über Wasser und träumt von einem eigenen Plattenladen. Doch in letzter Zeit hat er immer mehr Aussetzer. Und woher kriegt er die seltenen Platten, die plötzlich vor und in seiner Wohnung auftauchen? Und was hat der seltsame Hund zu bedeuten, der ihm aufzulauern scheint?
Die Geschichte hat eigentlich alle Zutaten, die man für Grusel/Horror braucht. Sie funktioniert auch über weite Strecken (das Ende hat mir nicht so zugesagt), verschenkt aber auch Potenzial. Wie gesagt, ganz gut eigentlich, aber da geht noch was.
Eine weitere sehr kurze Geschichte bringt die Vertraute Fremde von Mirjam H. Hüberli näher. Eine Frau erwacht ohne Gedächtnis und erliegt den Verführungen einer Melodie.
Eine schnelle Pointengeschichte im Grunde, ebenfalls einem Gedankenstrom nicht unähnlich. Und ebenfalls ein gutes Zwischenspiel – nicht mehr, nicht weniger.
Sarah Steinigers Fassade der Schändung ist dann wieder ein bisschen länger. Die Protagonistin und ihr Freund Luca erwarten ein Baby. Doch sie zerbricht immer weiter unter dem psychischen Druck und dem Geheimnis, das ihre Schwangerschaft umgibt.
Die Geschichte ist ziemlich fies. Und wirkt auch ziemlich gut. Nee, verdammt fies. Danach hat man keine gute Laune mehr. Eindrucksvoll geschrieben.
Kunst ist das Thema in Heike Ebelts FremdARTig. Garret sieht bei einem verrückten Straßenkünstler ein seltsames Bild. Bald darauf verspürt er den Drang, selber zu malen – Bilder, die alles andere als harmlos sind.
Durchaus bekannt, aber dennoch eine gute Variation, der vielleicht gegen Ende ein bisschen die Luft ausgeht. Vielleicht noch ein bisschen mehr auf Grusel gesetzt, die Geschichte wäre dann ein wenig intensiver geworden. Das Wortspiel im Titel finde ich etwas unglücklich, aber nun gut.
Um einen Drang geht es auch in der so benannten Geschichte von Katrin Wilke. Auch ein schwerer Unfall hält den frischgebackenen (und schwer verletzten) Vater nicht auf, sein Neugeborenes zum ersten Mal in die Arme zu nehmen.
Noch so eine fiese Geschichte. Schön böse bis oder gerade am Ende. Vielleicht am Anfang ein bisschen zu wenig Tempo, aber ansonsten hat mir die Geschichte gut gefallen.
Furcht treibt den Protagonisten in Peter Stohls Tod in den Dünen auf die Insel Sylt. Doch schnell merkt er, dass der Mann, der ihn verfolgt, ihm weiterhin an den Fersen klebt. So will er sich ihm endlich stellen – mit einer Waffe.
Im Grunde auch ein klassisches Setting. Eine gute Geschichte, an der mir irgendwas fehlt – vielleicht ist sie etwas zu vorhersehbar. Sie hat mir trotzdem gefallen, auch gerade weil sie eher was thrillerhaftes an sich hat.
Realitätsfernen, wenn man so will, ist da Tanz von Dana da Arcon. Lorinell hat die Regeln des Dorfes und der Göttin missachtet. Um die Göttin gnädig zu stimmen, muss der Tänzer sie besänftigen. Und er wählt Lorinell als seinen Trommler …
Eine sehr coole Idee, die zudem sehr, sehr schön umgesetzt wurde. Habe ich so oder ähnlich noch nicht gelesen, und die Geschichte macht einfach Spaß, ist spannend und gut geschrieben. Eine der besten im Band.
Christian Künne beschreibt in Die Wasser des Lethe den Leidensweg Cupids, der nur seine Vergangenheit vergessen will. Doch Vergessen hat seinen Preis.
Aus naheliegenden Gründen kann ich nicht viel mehr zur Geschichte sagen.
Leidend, auf seine Weise, ist auch Bestatter Sarx in Lea Daxelmüllers Wer Asche hütet, den hat sein Herz getäuscht. Sarx geht mit dem ihm eigenen makabren Humor und makaberen Lebenseinstellung seiner Berufung nach. Doch vor Geistern der Vergangenheit ist auch er nicht gefeit.
Sarx Eigenwilligkeit spiegelt sich auch durchaus um Stil der Autorin wieder. Man muss sich schon ein paar Sätze einlesen, aber dann macht die Geschichte einiges her. Auch hier ist das Setting eigentlich nicht neu und es wird ein wenig mit dem Bestatterklischee gespielt. Doch die Story bekommt schnell ihre Wendung und führt den Leser auf aschige Pfade. Hat mir sehr gut gefallen.
Den Abschluss bilder Linnea Schneider mit Neben dem Verstand. Liza findet einen seltsamen Brief auf ihrem Küchentisch – es bleibt nicht der einzige. Und ihr Leben, ihre Psyche beginnt, sich zu verändern.
Eine Psycho-Achterbahnfahrt zum Abschluss, der mir gefallen hat. Temporeich erzählt und tief in die Psyche der Protagonistin entführt. Dass die Geschichte dann doch vorhersehbar war, stört dann nicht so sehr. Und zu dem Titel kann man einfach gratulieren.
Die Geschichten insgesamt:
Wieder eine Anthologie, die sehr ausgeglichen – und das auf gutem, hohem Niveau – besetzt ist. Keine einzige Geschichte enttäuscht und im Gegenzug sind ein paar wirklich interessante und sehr gute Storys dabei, die von thrillerlastig bis fantasylastig reichen, aber im Kern immer ein – meist seichteres – Horrorelement transportieren. Die ein oder andere Geschichte hätte gern etwas länger sein dürfen, aber sonst gibt es nicht viel zu meckern. Als Horrorfan mit Abwechslungsvorliebe eigentlich eine fast ideale Sammlung – zumindest für die, die gern auf der unblutigeren Seite des Horrors bleiben oder auch sind.
Es gibt ein paar Dinge, die auffallen: Das Fremde wird erfreulich abwechslungsreich interpretiert. Eine ähnliche Vielfalt gibt es auch an Schreibstilen, die von klassisch bis fast experimentell reichen. Die meisten Geschichten sind in der Ich-Form geschrieben, was nahe liegt, mich aber trotzdem überrascht hat, dazu nutzen viele die Gegenwartsform. Keine Variante empfand ich als unpassend in den jeweiligen Geschichten.
Fazit: Interessante, abwechslungsreiche Sammlung mit zumeist seichteren Horror- und Gruselgeschichten – oft mit Anleihen an anderen Genres -, die bei mir einen vergnüglichen Leseeindruck hinterlassen hat. Keine Ausfälle und mindestens zwei wirklich bemerkenswerte Geschichten hinterlassen bei mir einen insgesamt deutlich positiven Eindruck.
Daten:
Neben dem Verstand – Geschichten vom Fremden in mir
Sphera-Verlag, Januar 2012
ISBN: 978-3-942903-03-5
ca. 190 Seiten
Die Corona-Kurzgeschichten 2012Q1
Geschrieben von - 23. April 2012
Eine kurze Rezension der Corona-Kurzgeschichten des 1. Quartals 2012
Das Corona Magazine ist ein interessantes Online-Phantastik-Magazin, das einen vielfältigen Inhalt präsentiert. Neben News, Artikeln, Rezensionen, der TV-Vorschau und einigen anderen Rubriken gibt es auch in jeder Ausgabe eine Kurzgeschichte zu lesen. Und um die Kurzgeschichten in den Ausgaben des 1. Quartals 2012 soll es im folgenden gehen.
#261: Sven Lenhardt – Zahltag
Stuntman Christian erhält unerwarteten Besuch – von seinem Schutzengel. Der hat die Faxen reichlich dicke und verlangt eine “Bezahlung”.
Joar, die Geschichte hat mich nicht so umgehauen, auch wenn sie eine gute Idee beinhaltet. Stark humoristisch angelegt, etwas bruchstückhaft erzählt. Der Humor war dann nicht so meins, und der ist ja bekanntlich ganz schlimm Geschmackssache. Sicher keine schlechte Geschichte, aber hat bei mir nicht so ganz funktioniert.
#262: Aljoscha Jelinek – Unsichtbar, unverzichtbar!
Ein Reporter trifft den seltsamen Totengräber McShovel, der mehr über nichtmenschliche Lebensformen zu wissen scheint als alle anderen …
Die Geschichte schwankt stark zwischen guten Einfällen und platten Albernheiten, coolen Sätzen und dümmlichen Sprüchen. Als Beispiel mag gleich die Hauptfigur stehen: Der Totengräber ist tatsächlich eine interessante Figur, aber heißt McShovel, Spitzname Schaufel (angeblich nicht vom Namen abgeleitet) – ernsthaft? Der Reporter ist Klischee und die Geschichte geht zwischendurch ein bisschen durcheinander. Geradliniger erzählt und die sinnlosen Albernheiten raus, die Story ein wenig aufgemotzt, dann wäre es eine richtig gute Geschichte.
#263: Felix Schledde – Letzter Trost für Tyrannen
Machiavelli wird von der Mutter eines Toten beauftragt, die Seele ihres toten Sohnes vor den lebenden Häschern in Sicherheit zu bringen. Machiavelli, selbst tot, kennt sich bestens in der Unterwelt aus, und da die Bezahlung stimmt, nimmt er den Auftrag an.
Gibt es nicht auch ein Comic mit ähnlichem Thema? Bin nicht sicher, ist auch egal. Eine schöne Geschichte, die leider zu früh endet. Interessant, spaßig, hätte vielleicht ein bisschen mehr Tempo und Handlung vertragen, aber die Idee ist schon ganz cool. Gute Sache.
#264: Regina Schleheck – Tonspur
Romen entführt seinen Freund und Musikerkollegen. Er hat mit Hilfe seiner Erfindung eine verräterische “Tonspur” entdeckt, die mit seinem Freund und seiner Frau zu tun hat …
Routiniert erzählte und schön ausgearbeitete Geschicht, die eine bekannte Idee mit einem Phantastikelement aufpeppt. Unterhaltsame Story, vielleicht dann doch ein bisschen zu gewöhnlich, aber … nein, eine unterhaltsame Story.
#265: D. M. Hirth – Echo
Die eintönige Nachtschicht in einem Observatorium wird mit dem Auftauchen einer Sonde aufregend. Umso aufregender, als sich herausstellt, dass es eine Sonde des Observatoriums ist, die noch im Dock liegt.
Man nehme ein bekanntes physikalisches Versatzstück und stricke eine einfache, wenn auch solide erzählte Handlung drum herum, die sich durchgängig nach “bekannt” anhört. Klingt böser als es ist, aber die Geschichte hat mich eher nicht erreicht. Für diese Art SF muss für mich einfach deutlich mehr kommen.
Das waren die ersten fünf Corona-Geschichten des Jahrgangs 2012, die zwar nicht herausragen, aber doch insgesamt recht gute Unterhaltung bieten. Die Geschichten von Schledde und Schleheck waren in der kurzen Auswahl die besseren, bei beiden sollte man unbedingt einen Blick reinwerfen, aber auch die anderen drei fallen alles andere als durch. Ich bin gespannt auf die nächsten – zwei weitere gibt es ja schon, zu denen ich zu gegebener Zeit komme.
Ein Blick aufs Bild
Geschrieben von - 17. April 2012
Auf der Facebook-Seite von Saramee gibt es mittlerweile die ein oder andere Illustration zur kommenden Anthologie zu bewundern. Einen Vorabblick auf die Illustration von Thomas Hofmann zu meiner Geschichte “Berars Suche” kann man hier erhaschen. Ja, da ist eine Szene aus der Geschichte schön eingefangen. Danke Thomas!
Zombies in Köln
Geschrieben von - 13. April 2012
Eine Rezension zu Gottes letzte Kinder (Armageddon, die Suche nach Eden Band 1) von D. J. Franzen
Zombies sind einfach nicht tot zu kriegen und gehen jetzt auch in Serie. Dass das auch durchaus funktionieren kann, zeigt nicht zuletzt die TV-Serie The walking dead. Und mit Gottes letzte Kinder haben wir den Pilot, wenn man so will, einer deutschsprachigen Zombiereihe in Buchform.
Für einen Zombieroman braucht man Zombies, also muss dafür erstmal gesorgt werden. Die Geschichte hier erzählt von einer weltweiten Pandemie, die nahezu die komplette Bevölkerung auslöscht und in Zombies verwandelt. So auch in Köln, wo Frank, Ingenieur und DTM-Mechaniker, in seinem gesicherten Haus lebt, bis er zu einer Besorgungstour gezwungen wird. Sein Ziel ist eine ehemalige Schule, die zu einem Versorgungsdepot umfunktioniert wurde, bevor sich die Bundeswehr aus der Stadt zurückzog. Dort angekommen, erlebt er allerdings eine Überraschung: Er trifft auf Sandra, eine weitere Überlebende, und schnell stellt sich heraus, dass sie nicht allein sind. Über Funk melden sich Kinder, die sich im Keller einer Kirche verschanzt haben. Frank und Sandra brechen zu deren Rettung auf – quer durch die zombieverseuchte Stadt. Und die Zombies sind bei Leibe nicht die einzige Bedrohung …
Die Zusammenfassung ist vielleicht ein bisschen lang für den verhältnismäßig kurzen Roman, aber man sehe es mir nach. Die Story ist relativ geradlinig erzählt und durchaus temporeich – ganz klar, hier steht die Unterhaltung im Vordergrund. Dass dann auf das ein oder andere bekannte Muster zurückgegriffen wird, ist dann auch schnell klar, wobei mir das an der ein oder anderen Stelle dann doch zu viel des Guten ist. Der Hintergrund mit Virus usw. ist relativ standard, ebenso die Ausgangssituation und Atmosphäre. Später in der Geschichte kommt ein Mysteryeinschalg hinzu, was ich ganz gut finde, wenngleich auch der an Bekanntes erinnert (z.B. The Stand).
Die Figuren werden fix eingeführt, im weiteren Verlauf werden noch einige mehr eingeworfen, die entsprechend weniger Hintergrund bekommen, was aber in Ordnung ist. Mit Frank ist eigentlich eine weitgehend gelungene Hauptfigur vorhanden, der auch zunächst brav den Zombie Survival Guide gelesen zu haben scheint, aber dann stellt sich doch heraus, dass er offenbar ein paar Kapitel nur überflogen hat. Er stellt sich mal ganz schlau, mal weniger schlau an, ist aber insgesamt doch ein glaubwürdiger Charakter. Sein doch ungewöhnlicher Job ist auch ein nettes Gimmick. Die anderen Charaktere folgen dann doch eher Klischees. Die taffe Frau muss nicht nur eine schwierige Vergangenheit haben, sondern kommt, wie es sich für eine taffe Frau mit K0mplexen gehört, aus einem Bereich der Sexbranche (hier: Pornodarstellerin). Sie darf dann auch nur so lange wirklich stark sein, bis Frank seine Entwicklung zum Helden abgeschlossen hat – klassisch, kann man sagen, dröge könnte man auch sagen. Der Priester ist natürlich Alki in der Glaubenskrise, aber ein guter Kerl, der Bösewicht ein Arschloch und der Oberbösewicht drückt sich ständig in irgendwelchen Schatten rum und ist groß in der Manipulation, aber zu feige, mal selber Hand anzulegen. Nrrrja … Na gut.
Es gibt ein paar Details, die mir beim Lesen zumindest aufgefallen sind oder sogar gestört haben. Ich bin nicht sicher, ob ein Mechaniker im Rennsport wirklich Ingenieur ist. Natürlich sind auch ein Haufen Ingenieure dabei, die sicher auch mal am Auto rumschrauben, aber die Betonung hier liegt ja schon sehr auf den Mechaniker, v.a. weil ja z.B. der Anzug eine Rolle spielt. Dieser Anzug hat mich auch irritiert, weil er als bunt beschrieben wird. Wegen der Sponsorendinger. Bunt-bunt sind die Dinger eigentlich trotzdem nicht. Nun gut. Natürlich bin ich auch immer wieder erstaunt, wie einfach den Leuten doch der Umgang mit automatischen Waffen erscheint … oder Handganaten. Und ob man irischen Qualitäts-Whiskey am Kiosk findet, weiß ich auch nicht so recht, gerade kartonweise. Nicht zu vergessen der Laster auf zwei Reifen beim Abbiegen … Braucht man natürlich alles nicht so ernst nehmen, aber es fällt halt auf.
Ansonsten hat mir das Szenario und der Aufbau der Geschichte recht gut gefallen. Lokalkolorit wurde zwar hauptsächlich durch Einschmeißen von Orten und Straßen erzeugt, hat aber trotzdem ganz gut funktioniert bei mir, der bislang erst zwei Mal in Köln war.
Beim Schreiberischen habe ich eigentlich nicht viel anzumerken. Relativ einfach gehalten, geradlinig, wie es sich bei Unterhaltungsliteratur gehört, mit gutem Tempo, auch keine allzu dämlichen Dialoge, Brüche in der inneren Logik sind mir nicht groß aufgefallen. Die Seite passt durchaus.
Ein doch mehr als passabler Einstand in eine Zombiereihe, nicht durchgängig gelungen, aber er macht schon neugierig auf die folgenden Bände. Aus meiner Sicht wurde der Roman zum Ende hin stärker, als mehr und mehr Mystery eingeführt wurde und auch weitere Personen und Gefahren ins Spiel kamen.
Fazit: Passabler Einstand in eine deutschsprachige Zombiereihe, als Einzelroman gute Unterhaltung mit der ein oder anderen Schwäche, nichts bahnbrechend Neues, eher eine Kombination aus Bekanntem. 7/10 Punkten.
Weitere Rezi zu “Quantum”
Geschrieben von - 12. April 2012
Eine weitere Rezension zum ersten Band des aktuellen Story Centers ist im Blog von Marianne Labisch nachzulesen.
Zu Treffen der Horizonte schreibt sie:
Für mich gehört diese Geschichte zu den Höhepunkten in diesem Band. Sie ist auf eine Art sehr spannend geschrieben, die Atmosphäre erschien mir schön dunkel. Nur das Ende hätte für meinen Geschmack anders ausgehen dürfen.
Vielen Dank an Marianne Labisch, nicht nur für die lobenden Worte (auch insgesamt für die Anthologie), sondern vor allem für das Auseinandersetzen mit den Geschichten und dem Verfassen der Meinung!