Ein Quantum aus den Dampfwolken: Das Story Center 2011.1

Eine Rezension zu Quantum- Story Center 2011.1, hrsg. v. Michael Haitel

Nach der ausführlichen Besprechung des 2010er Story Centers möchte ich natürlich auch gerne eine Besprechung des 2011er Jahrgangs folgen lassen. Diesmal bin ich mit vertreten, über das Für, trotzdem was zur Anthologie zu sagen, habe ich an andere Stelle was geschrieben. Logischerweise beginne ich mit dem ersten Band Quantum, die anderen beiden – Uriel und Electi – folgen dann in den nächsten Wochen.

Das aktuelle Story Center stand unter dem Thema Steampunk und Vatikan. Sowohl als Autor als auch als Leser hat mir diese Ausschreibung das Genre Steampunk (wieder) deutlich näher gebracht. Eigentlich sogar der breitere Bereich der Alternate History. Und ich kann vorab schon sagen, dass mir die Anthologie die Lust daran sicher alles andere als wieder genommen hat. In dem Bereich werde ich mich wieder verstärkt umgucken. Aber nun zu den Geschichten und dem eigentlichen Thema hier.

Die Geschichten im Einzelnen:

Den Beginn macht Christian Künne mit Treffen der Horizonte. Die Jungfernfahrt des neuesten deutschen Schiffes findet in politisch schwierigen Zeiten statt. Obwohl die vatikanische Flagge und die Anwesenheit höchster deutscher und vatikanischer Kreise Schutz versprechen, gerät die Reise zu einem Vabanquespiel, als sich an Bord ein Mord ereignet. In die Ermittlungen wird Ingenieur Harund Lohmann hineingezogen. Als er zufällig über einen blinden Passagier stolpert, verschärft sich nicht nur für ihn die Situation …

Aus naheliegenden Gründen kann ich nichts weiter zur Geschichte sagen. 🙂

In Enzo Asuis Senedo zu sein in barbarischen Zeiten geht es um ein Intrigenspiel. Der Indianerstamm der Senedos kann nicht länger in der „Neuen Welt“ verbleiben. Ihr Schamane schließt einen Handel mit einem deutschen Adeligen, nach Emden umzusiedeln. Der Preis dafür ist ein „einfacher“ Mord …

Wirklich keine schlechte Idee, aber gerade die erste Hälfte wirkt bruchstückhaft, die Geschichte müsste breiter entfaltet werden. Der Weltentwurf ist nämlich ein interessanter und die Figuren ebenso. Daher ist es schon sehr schade, dass aus der ganzen ersten Hälfte im Grunde nicht so viel gemacht wird.

Brad, der Hauptprotagonist in Eine bessere Welt? von Marianne Labisch, entkommt nur knapp seinen Verfolgern, die ihn töten wollen. Mit letzter Kraft erreicht er die Mauern des Vatikans. In dessen Hospital erwacht, bleibt Brad jedoch kaum Zeit sich zu erholen: Auf ihn wird ein Mordanschlag verübt. Und es gab bereits frühere Opfer im sonst so friedlich erscheinenden Vatikan …

Die Geschichte spannt einen interessanten Krimiplot (oder Thrillerplot) auf, aber auch hier wirkt die Story ein wenig sprunghaft und einige Figuren, insbesondere die Kommissare, werden äußerst knapp eingeführt. Mehr Entfaltung hätte gut getan, auch um die untergründige Frage des Titels stärker zu transportieren. Zwischendurch ist nämlich die richtige Spannung da.

Die wohl längste Geschichte liefert Steffi Friedrichs mit Fraternitas Sanguinis. Der Bibliothekar Justinian und sein Gehilfe kommen einer Verschwörung im Vatikan auf die Spur. Ihre Flucht und ihr Bemühen, den Verschwörern entgegenzutreten, führt sie quer durch Europa und lässt sie gefährliche Abenteuer und skurrile Bekanntschaften erleben.

Junge, Junge, die Figuren kommen ganz schön rum. Aber die Story unterhält, und zwar bestens. An der ein oder anderen Ecke vielleicht ein bisschen überkonstruiert, und es tauchen auch zu viele Leute in der Geschichte auf, aber die Story ist definitiv unterhaltsam und spannend.

Bereits der Titel der Geschichte Die Maschine von Vincent Voss nennt es: Der Vatikan unterhält eine wahrhaft mächtige Maschine, die Prophezeiungen erzeugen kann. Doch dafür benötigt sie einen besonderen Energieträger, dessen größter Lieferant das heidnische Marrakesch ist. Deshalb geht Ignatius auf diplomatische Mission, und erlebt dabei nicht nur seltsame Reichtümer, sondern wird auch über die Grenzen seines Glaubens geschickt.

Was für eine coole Geschichte! Ideenreich, interessant, trotz an sich wenig Handlung spannend, und auch treffend geschrieben. Hat sehr viel Spaß gemacht. Bitte mehr davon!

Eher klassisch krimihaft geht es in Christiane Grefs Futter für die Bestie zu. Charlotte wird in die Ermittlungen des Mordes an einen Kurator verwickelt, dem ersten Mord im neugeordneten Vatikan überhaupt. Zusammen mit einem Mann aus den Landen außerhalb des Vatikans geht sie den Spuren der blutigen und seltsamen Tat nach.

Es ist nicht klar, warum die Protagonistin das machen darf, was sie dann macht, aber nun gut. Ansonsten ein durchaus interessanter Krimiplot, der etwas vorhersehbar ist. Hier hätte ich gern von dem ein oder anderen Hintergrund mehr gelesen.

Sven Klöppings Der mechanische Diplomat ist die große Unbekannte in den Friedensgesprächen zwischen Preußen und Robotanien, einem nach Unabhängigkeit strebenden Roboterstaat auf dem Stadtgebiet Potsdams. Der Papst persönlich versucht zwischen den Parteien zu vermitteln. Nicht so einfach mit einem Roboter, der die Feinheiten der Sprache nicht so sein Eigen nennt.

Eine sehr coole Idee und eine ebensolche Geschichte. Die Story ist im genau richtigen, lockeren Stil geschrieben und macht einfach nur Spaß. Passt! Ach was, mehr als das!

Eine etwas andere Art künstlicher Lebensformen werden in Frederieke von Holzhausens Das Kreuz ist der Schlüssel beschrieben. Bruder Albert und Cassian – sowie Alberts seltsamer Assistent – ermitteln im Fall eines verschwundenen Mitbruders. Immer tiefer wird Cassian dabei in die Geheimnisse der Exorzisten – und ihrer Assistenten – gezogen.

Und ein weiteres Mal eine wirklich interessante Idee. Die Umsetzung stimmt, einzig das Tempo könnte vielleicht an der ein oder anderen Stelle etwas höher sein.

Frederic Brake erzählt in Quantum von Padre Morrison, der des Mordes an seinem guten Freund Padre Fourlan beschuldigt wird. Fourlan ist spurlos verschwunden, Morrison hatte dessen Haus kurz zuvor im Streit verlassen. Denn Fourlan hatte eine sensationelle Entdeckung gemacht, die Gott selbst in Frage stellt.

Eine kurze, präzise Story, die so etwas wie eine doppelte Pointe hat, wenn man so will. Der Anfang ist ein wenig holprig, aber wenn es zum Kern geht, zieht die Geschichte mit.

In Achim Stößers Die Mühlen Roms wird das vatikanische Rom, technisch und wissenschaftlich weit dem Rest Europas überlegen – und mittlerweile nicht mehr religiös – von Kreuzrittern belagert. Bereits seit Jahren. Als unter den Belagerern Seuchen ausbrechen, breiten diese sich auch innerhalb der Stadtmauern aus und fordern jedes Jahr immer mehr Tote. In der Verzweiflung schickt der Papst nach Wissenschaftlern außerhalb Roms aus.

Eine gelungene Variante eines „historischen Abbilds“, dass sich ungewohnt – und daher nur umso interessanter – liest. Es ist mehr ein erzählender Text, was man vielleicht mögen muss. Ich mags und finde insbesondere das Ende bemerkenswert (wie gesagt, Umkehrung von dem, was man sonst oft denkt).

Abgeschlossen wird der erste Band von Angela Mackert mit Kardinalrot. Pater Roberto und sein Android Remus reisen nach Rom. Der Vatikan ist lange nicht mehr religiöses Zentrum der Christen und so folgt Roberto äußerst misstrauisch der Einladung. Doch im Vatikan findet er die ein oder andere Überraschung, die nicht nur den Vatikan verändern könnte, sondern Robertos Weltbild dazu.

Doch, doch, finde ich sehr gut die Story. Sie nutzt an der ein oder anderen Ecke einige bekannte Versatzstücke und auch die Auflösung ist vorher absehbar, aber das trübt die Unterhaltung wenig. Und die dampfenden Androiden haben mich auch nicht gestört.

Die Geschichten insgesamt:

Der erste Band bietet gleich eine Reihe äußerst unterhaltsamer Texte und keinen echten Ausfall. Ein paar Geschichten legen die Themenvorgabe etwas weiter aus, was mich persönlich nicht weiter gestört hat. Die Geschichten sind vielseitig, die Weltentwürfe ebenso. Mit mindestens zwei wirklich sehr, sehr guten Storys und einem insgesamt guten bis sehr guten Niveau bin ich nach dem Lesen auch sehr, sehr zufrieden. Wie gesagt, Steampunk habe ich gerade wiederentdeckt, das schwingt vielleicht mit, aber ich denke schon, dass ein Blick in die Anthologie für Leute mit diesem Themeninteresse durchaus lohnenswert ist.

Fazit: Bestens unterhalten lege ich den ersten Band zur Seite und widme mich direkt dem zweiten.

Daten:

Quantum – Story Center 2011.1

Michael Haitel (Hrsg.)

p.machinery, März 2012

ISBN: 978 3 942533 33 1

ca. 220 Seiten

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